Was macht der Ehemann denn da?
von Cord Beintmann | 08.03.2026
Ganz wunderbar: Im Theater der Altstadt ist eine Bühnenfassung des preisgekrönten Films „Halbe Treppe“ zu sehen.
Mit dem Satz „Ellen hat’s schwer mit ihrem Dicken“, resümiert eine Frau gegenüber ihrem Gatten den Abend mit einem befreundeten Paar, und man meint, Ähnliches schon einmal gehört oder selbst gesagt zu haben. Den Alltag zweier Paare untersucht der preisgekrönte Film „Halbe Treppe“ von Andreas Dresen aus dem Jahr 2002. Jetzt wurde im Theater der Altstadt eine Bühnenfassung gleichen Namens von Christof Küster uraufgeführt, der auch die Inszenierung verantwortete.
Zwei Paare hocken auf der Bühne. Uwe betreibt einen Imbiss, seine Frau Ellen ist Verkäuferin in einer Parfümerie. Katrin, die eigentlich studieren möchte, arbeitet in einer Autohof-Gaststätte, ihr Gatte Chris ist Radiomoderator. Launig quäkt er Sentenzen wie „Das Leben ist kurz genug“ in sein Mikro. Ellen und Uwe besuchen ein Küchenstudio, und man spürt, dass es zwischen den beiden mächtig knirscht. Chris wiederum bittet Katrin, sein T-Shirt so aufzuhängen, „dass ich nicht mit einem Knick in der Brust herumlatsche“. Ganz wunderbar an diesem Stück ist die vollendete Alltagssprache, solche Sätze wie „Schon komisch, oder?“. Doch Theater-Kunstsprache vermisst man ganz und gar nicht, im Gegenteil, man taucht mit Vergnügen in eine sprachrealistische Präsentation deutscher Gegenwart ein.
Rührende Theaterbilder
Eine gut durchdachte Bühne hat María Martínez Peña (Ausstattung) für das Stück gebaut, eine gewaltige Treppe quer zur Bühne mit einem Gerüst, an dem die Akteure sich bisweilen hochhangeln. Unter der Treppe tun sich Räume auf, Schlafzimmer, Imbiss, Badezimmer. Klassisch-filmreif erwischt Katrin den Gatten Chris und Ellen in der Badewanne, und nun beginnt das Elend. In ein schönes Bild leiser Erotik fasst Regisseur Küster, wie sich die Frischverliebten zuvor nahe gekommen sind. Sie telefonieren miteinander, und dazu zieht Ellen dem direkt über ihr am Treppengerüst hängenden Chris langsam die Schuhe aus. Solche eindrücklich-rührenden Theaterbilder machen die Qualität der Inszenierung aus.
Fantastisch gelingen auch die fließenden Übergänge zwischen den vielen knappen Szenen. Bisweilen verwandelt sich ein Darsteller mit einer bloßen Drehung von einer Figur in eine andere, da glückt Theater als eine ganz eigene, für einen Moment staunenswerte Kunst. Theater ist eine Körperkunst. Das ist zu erleben, wenn das Ehepaar im Bett liegt, der Liebhaber sich dazwischen legt und der Gatte vom Bett plumpst. Hört sich derb-klamaukig an, wirkt hier aber bloß konkret-bildhaft und witzig zugleich.
Ein fein austariertes Quartett präsentiert einleuchtend das Auseinanderbröseln der beiden Ehen, Antonio Lallo spielt den Uwe berührend zwischen den Polen leise und laut. Seine Ellen (Sabine Christiane Dotzer) ist stets ganz direkt, Charis Hager gibt die Katrin als reflektierte Frau und Felix Jeiter als Chris agiert erst selbstgewiss und später wie ein geprügelter Hund. Der Ehebruch produziert wiederum sattsam bekannte Sprachhülsen, wie etwa „Was hat er, was ich nicht habe?“ oder „Ich habe einen Riesenfehler gemacht“. Aber das ist wunderbar,
einfach Realismus. Und doch zeigt dieses Stück viel mehr, das Rührende, Klägliche und Liebenswerte seiner Figuren. Zu erleben ist bei dieser Inszenierung beides, richtig trockener Wirklichkeitssinn und sinnliches, im Detail raffiniertes Theater, das übrigens oft auch amüsant ist. Man lacht dann nicht lauthals, sondern kichert wohlig in sich hinein.