Herzerweichend
von Cord Beintmann | 03.02.2026
STUTTGART. Was für ein Theaterraum! Man sitzt in der neogotischen Johanneskirche am Feuersee in Stuttgart und schaut auf eine Bühne zwischen Taufstein und Altar. Links hängt eine Liedtafel (man ist ja in einer evangelischen Kirche), rechts erhebt sich die prächtige Kanzel. Nun entfaltet sich ein spannendes Drama, das um einen Kirchenchor kreist, insofern passt die in stimmungsvolles Licht getauchte Kirche als Bühne (Licht: Max Zeindlmeier) perfekt.
„Wie im Himmel” heißt die neueste Produktion des Theaters der Altstadt nach dem 2004 erschienenen schwedischen Film von Kay Pollak. Der erfolgreiche Dirigent Daniel erleidet einen gesundheitlichen Zusammenbruch und kehrt in sein Heimatdorf zurück.
Was er dort wolle, fragt ihn der Pfarrer. „Ich werde zuhören”, antwortet Daniel, der zunächst widerwillig Kantor wird und damit auch den Kirchenchor übernimmt. Fünfzehn Sängerinnen und Sänger stehen auf getrepp-ten Holzelementen (Ausstattung: Anne Brügel). Bisweilen sprechen sie auch wie der Chor in einem antiken Drama, und der raunende Sound berührt. Daniel, sensibel gespielt von Ralph Hönicke, baut den Chor erst richtig auf und gewinnt sein absolutes Vertrauen.
Eine schöne, ja, rührselige Geschichte ist das, aber in diesen behutsamen Aufbau des Chors, den Chormitglieder aus Stuttgarter Kirchengemeinden bilden, sind sperrige Konflikte eingeflochten. Die Chorsängerin Gabriella wird von ihrem grauenvollen Macho-Ehemann Conny drangsaliert, der sie schlägt und aus dem Chor lösen will. Breit werden die Eheprobleme des Pfarrers Stig (Andreas Posthoff) und seiner Frau Inger behandelt. Stig ist ein erzkonservativer Pastor, der gerne von Sünde schwadroniert, aber Sexheftchen konsumiert. Recht angestaubt wirkt diese Figur, denn man kann sich in der heutigen Wirklichkeit kaum noch einen derart vernagelten protestantischen Kirchenmann vorstellen. Seine Ehefrau, die Ursula Berlinghof amüsant mit mächtigem Temperament spielt, hält knackig gegen ihren heuchlerischen Gatten. „Die Kirche hat die Sünde erfunden” wettert sie und lässt eine kirchenkritische Suada ab. Das müssen sich nun die Wände der Johanneskirche anhören, aber immerhin war ja Martin Luther, der in Stein gemeifelt direkt neben der Bühne steht und selbstbewusst sein Kinn reckt, ein radikaler Kirchenkritiker.
Als kleiner Junge habe er Musik machen wollen, die die Herzen der Menschen öffnet, erklärt Daniel. Das bekommt er mit seinem Kirchenchor hin. Das Stück zeigt nicht bloß ein wunderbares Wachsen des Chors, sondern auch heftigen Streit, gewalttätige Aggression und peinliche Frömmelei. Eine zarte erotische Annäherung von Daniel und der Chorsängerin Lena (kess: Esrah Uğurlu) ist auch noch drin. Annalena Maas (Regie) hat die Szenen stimmig realisiert, und Georg Ammon (musikalische Leitung) bringt die Lieder, bisweilen auch ein herzerweichendes Summen des Chors, überzeugend auf die Bühne. Zu erleben ist eine eindrucksvolle Ensembleleistung an einem ungewöhnlichen (und übrigens gut geheizten) Ort.